Mein erstes Jahr in Kanada – What the f#*$k has been happening?

Mein erstes Jahr in Kanada – What the f#*$k has been happening?

Juni 25, 2019 0 Von Julia Valentina

2. Juli 2018: Der Tag, an dem mein neues Leben angefangen hat.

Ich sitze an kanadischen Flughafen und habe all meine Dokumente vor mir in einer Mappe, während ich darauf warte, dass ich zu der Zollbeamtin mit dem strengen Blick vorgelassen werde. Hier und jetzt wird entschieden, ob ich das Visa wirklich bekomme. Ob ich wirklich ein Jahr in Kanada leben darf.

Eigentlich bin ich mir sicher, dass ich es bekomme.

Ich habe bereits die offizielle Bestätigung von der kanadischen Regierung und alle anderen nötigen Dokumente in meiner Mappe, die verlangt worden sind. Aber dennoch gibt es diese eine letzte Instanz. Eine Zollbeamtin, die noch einmal alles prüfen soll und dann entscheidet, ob ich das Visa ausgestellt bekomme.

Ich starre auf die Mappe und denke:

„Krass, ich habe es geschafft! Krass, krass, krass … ich bin tatsächlich hier. Ich bin in KANADA!“

Vancouver Skyline in der spätnachmittags Sonne.

Es erscheint mir immer noch surreal. So unglaublich … so unwirklich. Nervosität kribbelt durch meinen Körper und mein Herz schlägt höher. Ein ungeahntes Gefühl von Freude und Freiheit erfüllt mich.

Seit Jahren hatte ich Fernweh. Seit Jahren wusste ich tief in mir, dass ich raus muss. Dass Deutschland mich nicht ewig für sich behalten kann und … dass ich nicht zurückkehren werde.

Doch bis vor zwei Jahren hatte ich nie den Mut gehabt, diesen Schritt zu wagen oder auch nur zu denken. Ich habe davon geträumt, es aber nie durchgezogen.

Bis JETZT!

Nun ist es endlich soweit. Ich werde zur Zollbeamtin vorgelassen und reiche ihr meinen offiziellen Brief, den ich von der kanadischen Regierung erhalten habe.

Sie liest es sich durch, während ich meinen Reisepass und meine Mappe vor sie auf den Tisch lege. Ich lächle sie freundlich an und warte geduldig, bis sie das Schreiben durchgelesen hat. Mein Herzschlag ist überraschend ruhig und ich fühle mich gut.

Ich weiß tief in mir, dass DIES der Moment ist, der mein Leben für immer verändern wird und ich bin bereit für alles, was kommen wird.

Die Zollbeamtin nickt und verschwindet in einem Hinterzimmer, während ich nervös an der Mappe herumfingere und hoffe, dass mein Englisch mich nicht im Stich lässt. Das ist momentan die einzige Angst, die ich habe. Dass mein Englisch schlecht ist und ich mich nicht richtig ausdrücken kann.

Die Beamtin kommt zurück und drückt mir mein Visa in die Hand. Ich schaue sie verdutzt an.

„Das war’s?“, frage ich und lege meine Hand auf die Mappe. Sie nickt wieder und lächelt jetzt sogar ein wenig.

„Willkommen in Kanada“, erklärt sie mir und möchte den nächsten Wartenden zu sich rufen.

„Aber …“, beginne ich verwirrt und sie hält inne. „…wollen Sie gar nicht meine Dokumente prüfen?“

Sie seufzt etwas genervt und winkt mich weg. „Nein, das ist okay. Nächster bitte.“

Wie in Trance gehe ich aus dem Flughafen von Vancouver und schaue in die Sonne, die mich warm willkommen heißt.

„Läuft bei mir!“, rufe ich begeistert und tanze in meine neue Zukunft.

Eine deutsche in Kanda und ihre Erfahrungen und Erkenntnisse.

„Läuft bei mir!“: Drei Worte, die mein neues Leben geprägt haben.

Ja, irgendwie lief es.

Innerhalb eines Monates hatte ich eine coole WG in Downtown mit einem großen Zimmer und toller Aussicht, einen Job als Barista bei einem kleinen Store mit einem netten Team und lebte mit neuer Freiheit in einem Land auf einem anderen Kontinent. Daaaaaaaaaamn!

Es war schon etwas seltsam, wenn ich daran zurückdenke. Denn ich hatte das Gefühl, dass alles so selbstverständlich für mich passiert ist – wie Zahnräder, die mühelos ineinander übergehen und mein Leben ins Rollen gebracht haben.

In nur wenigen Wochen war es für mich schon so selbstverständlich, in Vancouver zu leben und Englisch zu sprechen, dass ich Deutschland und mein altes Leben kein einziges Mal vermisst habe. Und das tue ich immer noch nicht.

Ich vermisse zwar meine Familie und Freunde. Aber ich vermisse nicht mein Leben in München. Ich vermisse nicht den coolen Job als Motiondesignerin. Ich vermisse nicht mal die finanzielle Unabhängigkeit und das gedankenlose „Geldausgeben“, das ich durch meinen Job die letzten Jahre hatte.

Was ich allerdings vermiss ist gutes, deutsches Brot und Brezen! Oh mein Gott, an manchen Tagen würde ich meine Seele verkaufen für eine richtig knackige bayerische Brezen … 

Abgesehen von den Brezen-Sehnsüchten fühlt es sich für mich nach einem Jahr in Kanada so an, als wäre ich bereits mehrere Jahre hier und würde meine Karriere als Storytellerin verfolgen.

SO viel ist passiert und so viel wird noch passieren! Ich kann es spüren und es erfüllt mich mit Vorfreude und Ungeduld.

Aber Vancouver ist auch noch nicht DAS Zuhause für mich. Ich liebe es zwar, hier zu leben und die Stadt ist großartig, aber ich fühle mich noch nicht angekommen.

Vancouver war nur der erste Schritt zu meinem neuen Leben … zu meiner Bestimmung.

DAS spüre ich ganz deutlich, auch wenn sich das anhört wie in einem kitschigen Film. Doch manchmal hat man diese Momente in seinem Leben, in dem man ganz genau spürt, dass man vor einer großen Zukunft steht. Man kann sie fast greifen und die Zahnräder klappern freudig vor sich hin, aber das „Tor“ hat sich noch nicht ganz geöffnet.

Vancouver skyline bei strahlendem Sonnenschein.

Meine drei persönlichen Highlights

In einem Jahr in Kanada kann viel passieren und sich viel ändern. Klichées können bestätigt oder widerrufen werden. Neue Erkenntnisse gewonnen werden. Oder man entdeckt ganz ungeahnte Seiten an sich.

Jeder, der reist oder auch mal in einem anderen Land gelebt hat, weiß, dass diese Erfahrung einen ändert.

Da ich hier nicht den Artikel sprengen möchte mit all den Erfahrungen und Erkenntnissen, die ich gemacht haben, weil – FUUUUCK! – es sind so viele, konzentriere ich auf meine DREI großen Highlights.

Bild einer Alley aus Vancouver in Kanada an einem schönen Sommertag.

1. Alleys sind NICHT die Gassen des Todes

Oder als ich lernte, dass Klichées nicht immer stimmen. Welch eine Überraschung!

Wer wie ich sehr viele Filme und Serien schaut, der weiß, dass die richtig üble Scheiße immer in den Alleys abgeht. Dort passieren Verbrechen aller Art. Man wird verprügelt, beraubt, vergewaltigt oder ermordet. Dorthin fliehen auch immer die Bösewichten aus den Superheldenfilmen.

Kurz und knackig:

Als Nicht-Amerikaner hat man einfach höchsten Respekt vor Alleys und meidet diese. Vielleicht schaut man mal skeptisch rein, aber auf gar keinen Fall geht man da durch!

Doch was, wenn du da rein musst?

Einmal war ich mit meiner kanadischen Freundin Courtney unterwegs und sie ist in eine dieser Alleys abgebogen, weil dort eines der Sharing Cars gewartet hat. Ich bin damals stehen geblieben und habe sie entgeistert angeschaut.

„Warte! Wir müssen DA rein?“

Courtney hat mich nur verwirrt angeschaut. „Ja, da steht das Auto.“

„Aber in den Alleys passiert immer etwas Schlimmes!“

Courtney wird noch verwirrter. „Was? Warum denkst du das?“

„Weil das in JEDEM Film zu sehen ist!“

Courtney musterte mich einen Moment, verdrehte dann die Augen und meinte seufzend: „Sei nicht so dramatisch, Jule, und komm mit. Das sind nur Filme. Die Alleys sind harmlos.“

Jap, so einfach können Klichées gebrochen werden. 😀

Allerdings möchte ich hier auch betonen, dass Alleys nicht super ungefährlich sind. Nein, sie sind wie jede Straße auch dann gefährlicher, wenn sie in bestimmten Stadtbezirken sind, die jetzt nicht gerade für ihre niedrige Kiminalitätsrate bekannt ist.

Wenn ich heute darüber nachdenke, dann schäme ich mich ein wenig deswegen und mir ist es wirklich peinlich, dass ich mich derart von meiner Angst habe leiten lassen. Eine Angst, die von den Medien manipuliert wurde.

Hach ja, diese Medien, nicht wahr?!

Eine deutsche in Kanda und ihre Erfahrungen und Erkenntnisse.

2. „The German struggle is real“

oder als ich lernte, stolz zu sein, dass ich Deutsche bin.

Etwas, das mir immer wieder aufgefallen ist, ist wie unglaublich positiv und spannend andere Länder Deutschland finden. Wenn man die manchmal von Deutschland sprechen hört, meint man fast, dass man aus dem Paradies kommt.

Ich wurde auch schon manchmal beinahe vorwurfsvoll angeschaut, weil ich dieses „geheiligte“ Land verlassen habe.

Spannend fand ich auch, dass ich anfangs nicht unbedingt sagen wollte, dass ich aus Deutschland kam. So à la: „Ne, das ist doch nicht so wichtig“.

Doch sobald die Leute gecheckt haben, dass ich Deutsche bin, wurde ich meistens mit Fragen gelöchert und mit strahlenden Augen angeschaut. #awkward

Ich weiß, dass jeder Deutsche verstehen wird, warum das für mich ein Problem anfangs war.

Denn wir sind ein Volk, dass jetzt nicht hausieren geht, wie geil Deutschland ist und dass wir ja so stolz auf unser Land sind. Zu groß ist die Angst, dass man als „Nazi“ bezeichnet wird.

Ich erinnere mich an eine Unterhaltung mit einen brazilanischen und indischen Kollegen. Beide haben in den höchsten Tönen von Deutschland geschwärmt, während für mich das nur unangenehm war.

„Ihr Deutsche seid einfach so krass!“, meinte mein indischer Kollege. „Weil wirklich JEDES Mal, wenn wir eine Studie über Wirtschaft und Maschinenbau anschauen, seid ihr in den Top drei. Ihr seid so krass effektiv!“

„Ja, ich liebe Deutschland“, stimmte der Brazilianer zu. „Das ist für mich das beste Land, in dem man leben kann. Ich will unbedingt dahin! Auf meinem Rucksack habe sogar eine deutsche Flagge und war während der WM 2006 für euch, als ihr Brazilien so krass fertig gemacht habt. In meiner Stadt war ich der Einzige, der gefeiert hat.“

Das muss man sich mal vorstellen: Ein Brazilianer ist SO ein Deutschlandfan, dass er mit deutscher Flagge auf seinem Rucksack rumläuft, aber wir als Deutsche wagen es nur zur WM ein wenig unsere Flagge zu schwenken.

Schon krass, oder?

Ich weiß, dass mir die Unterhaltung damals unangenehm war und ich versucht habe zu erklären, dass Deutschland nicht das Paradies ist und dass wir als Deutsche nicht offen unseren Stolz zeigen. Das haben die beiden nicht verstanden.

Ich habe gemeint, dass wir halt vorsichtig seit dem dritten Reich sind, was offenen Nationalstolz angeht.

Doch mein indischer Kollege meinte nur zu mir: „Ja, aber das ist ja auch das coole an euch. Ihr seid das EINZIGE Land, das transparent und offen mit seiner Vergangenheit umgeht und diese aufarbeitet. Ihr zeigt, was passiert ist, steht dazu und arbeitet dafür, dass es nie wieder passiert. Ich kenne kein Land, dass das tut. Und es gibt einige Länder, die einiges Schlimmeres getan haben.“

Das hat ehrlich gesagt einen fetten Mindblower bei mir ausgelöst. Wer hätte das gedacht?

Da muss man erst im Ausland leben, um stolz darauf zu sein, dass man Deutsche ist!? Dass man das Privileg hatte, in so einem sozial starken, erfinderischen und gerechten Land aufzuwachsen.

Und ja, ich weiß, dass nicht alles perfekt ist, aber für alle Deutschen, die jetzt empört aufschreien und meinen, dass ja sooo viel Ungerechtigkeiten und Verbrechen in Deutschland passieren:

Kauft euch ein Flugticket nach Indien oder Brazilien oder einem anderen Land. Schaut euch die Lebenssituationen dort an, hört den Einbewohnern zu und fragt, wie ihr Leben ist. Dann können wir darüber nochmal reden, wie „schlimm“ es doch in Deutschland ist.

Skyline von Vancouver im Herbst. Man sieht das Meer, den Strand und einen Baum mit farbenfrohen Blättern.

3. Die Begrüßungsfloskel: „Hey, how are you?“

Oder als ich lernte, offener zu sein und dass Smalltalk nicht ganz so furchtbar ist.

Etwas, das für eine Deutsche und wahrscheinlich jeden Europäer, befremdlich ist, ist diese Begrüßgungsfloskel „Hey, how are you?“.

Am Anfang war ich natürlich extrem verwirrt, weil man im Deutschland in einem Café oder beim Supermarkteinkauf nicht gefragt wird, wie es einem geht und wie der Tag heute denn so war.

Bei den ersten Begegnungen habe ich mich innerlich schon darauf vorbereitet, dass die Frage kommt und mir irgendwas aus der Nase gezogen oder brav gesagt, dass es mir gut geht und die Frage zurückgegeben.

Doch in manchen Situationen, in denen ich mich ja so brav vorbeireitet hatte, war der anderen Person total egal, wie es mir geht. Sie hat das nur so dahin gesagt, weil man das eben so sagt …? Das „How are you?“ gehört quasi zur Begrüßungsformel dazu, muss aber nicht beantwortet werden.

Eine Situation mit so einer Person kann das so aussehen: Man sieht sich auf der Straße, grüßt sich und fragt, wie es einem geht, aber man wartet auf gar keinen Fall die Antwort ab, sondern geht einfach weiter. Meistens geht das so schnell, dass man als „Betroffener“ gar keine Chance hat, die Frage zurückstellen, weil dann die Person schon wieder weg ist. Und hinterher schreien ist dann doch zu unhöflich. Immerhin sind wir hier in Kanada, for god’s sake. 😉

Aus persönlicher Erfahrung würde ich sagen, dass etwa der Großteil der Leute nur pauschal fragt, wie es dir geht, es aber eigentlich nicht wissen will. Man kann die Frage dann auch ignorieren oder antwortet einfach pauschal „gut. und selbst?“. So nach dem bayerischen Sinne „Ois guad?“ „Passt scho!“.

Doch es gibt auch einen Teil der amerikanischen Bevölkerung, die wirklich wissen wollen, wie es dir geht und ganz darauf vorbereitet sind, dir von ihrem Tag oder ihrem Leben zu erzählen.

Sie schauen dich aufmerksam an, warten geduldig deine Antwort ab und plappern dann los, sobald du zurückfragst und quasi damit den Startschuss gibst.

Ich muss zugeben, dass das manchmal noch sehr seltsam für mich ist, wenn man mit einem Fremden so einen kurzen, persönlichen Moment teilt.

Aber es hat auch was Schönes und ich bin dadurch um einiges offener geworden. Denn es ist wirklich einfach ins Gespräch zu kommen und man wird nicht mal komisch angeschaut, wenn man fremde Leute einfach anspricht.

Hierzu noch eine kleine lustige Anekdote:

Als ich nach 10 Monaten Kanada zurückkam, war ich so in meinen kanadischen Gewohnheiten drinnen, dass ich freudig zu den deutschen Zollbeamten hin bin und sie gefragt habe, wie ihr Tag denn so ist und ob es nicht wunderbar heute ist.

Der Blick den ich dabei bekommen habe, muss ich glaube ich nicht beschreiben. Der genervte Kerl hat mich angeschaut, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank. Wahrscheinlich auch, weil ich ihn einfach „gedutzt“ habe und ihn dann auch noch Frage, wie sein Tag war? WTF?!


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