Die Stimme in meinem Kopf

Die Stimme in meinem Kopf

März 6, 2019 0 Von Julia Valentina

“Kannst du bitte die Tür für den Kerl öffnen?”

Das hatte mein Manager zu mir gesagt und mich durch das hintere Gewölbe des Gebäudes geschickt, um den besagten Kerl vom Hintereingang abzuholen. Wie in Trance hatte ich genickt und mich auf den Weg gemacht. 

Ich war gerade durch die hintere Tür getreten und trottete nun den kühlen Gang Richtung Aufzug entlang. Es roch nach altem Mauerwerk und meine Schritte hallten von den Betonwänden wieder, während über mir rote “Exit”-Schilder wie flackernde Warnlichter vorbei zogen. 

Ich war den Weg scho zigmal gegangen. Er führte durch ein Kellergewölbe, einen alten Lastenaufzug hinauf zu einem kleinen Hinterhof, in dem wir und all die anderen Mieter in dem großen Gebäude unseren Müll entsorgten.

Ich gähnte, als ich an dem Lastenaufzug ankam. Murrend steckte ich meine klammen Hände in die Hosentasche und betrat den großen Aufzug. 

Warum musste ausgerechnet ICH dem Kerl aufmachen?, fragte ich mich seufzend und versuchte den Aufzugsknopf mit meinem Ellbogen zu drücken. 

Es ist ja nicht so, als hätte ich nichts zu tun! Der hätte lieber mal Hans schicken sollen, der steht eh nur faul rum …

Nach mehreren gescheiterten Versuchen mit meinem Ellbogen diesen verdammten Knopf zu drücken, holte ich fluchend meine Hand aus meiner Hosentasche und presste den Knopf fluchend. Der Aufzug rüttelte und rumorte wie ein mürrischer Bär, bevor er sich endlich in Bewegung setzte. 

Ich gähnte und schaute gelangweilt umher, während das Rütteln des Aufzugs meinen Körper erfasste. 

Hoffentlich habe ich bald Mittagspause. Ich kriege langsam Hunger …

Als der Aufzug endlich mit seinem letzten Würgen ankam und sich die Türen öffneten, streckte ich mich kurz, als sich eine Stimme in meinem Kopf meldete: Was ist das eigentlich für ein Kerl?

Unschlüssig blieb ich stehen. Mein Manager hatte mir gar nicht gesagt, wem ich eigentlich die Tür aufmachen sollte. 

Was, wenn das eine Falle ist?

Ich zog die Augenbrauen zusammen und schüttelte den Kopf. 

“Mach dich nicht lächerlich”, murmelte ich, doch ich blieb im Aufzug stehen. 

Sollte ich mir Sorgen machen? … ich meine, da könnte sonst wer hinter dieser Tür stehen! Vielleicht jemand, der mich entführen will oder Schlimmeres …

“Meine Fresse! Jetzt übertreib mal nicht. Du schaust eindeutig zu viele Filme. Als ob dein Manager dich in eine Fall locken wollen würde!? … Duh! Dafür ist der ein zu krasses Weichei.”

Ich rollte mit den Augen und trat schließlich aus dem Aufzug. Mein Manager war eindeutig viel zu nett und lieb, um jemals auf so einen Gedanken zu kommen. Und warum sollte er das überhaupt tun?

Aber wer ist dieser Kerl dann? Und warum kommt er durch den Hintereingang? Durch den sehr gruseligen und gut verborgenen Hintereingang … hier könnte man leicht jemanden umbringen ohne, dass es jemand hört. Also, nur mal so als kleines Bedenken von meiner Seite …  

“Kleines Bedenken … so so.” Ich seufzte. “Naja, das ist halt ein Kerl, der … der irgendwas bei uns machen muss. Und der eben nicht vorne in den Laden kommen will”, versuchte ich zu erklären, während ich wild gestikulierte. 

Irgendwas? … na, wenn du das sagst. 

Ich räusperte mich und strich meine Schürze glatt. “Ok, jetzt gerate hier mal nicht in Panik. Immerhin ist es mitten am Tag und wer zur Hölle sollte mir hier auflauern und mich entführen wollen? Das ist doch Schwachsinn …”

Ich blieb an der Ecke stehen und lugte zu der schweren Tür, die mich noch von dem ominösen Kerl trennte. Dahinter stand er und wartete darauf, dass ich ihn hereinließ.  Ich zögerte. 

Warum scheißt du dann hier so rum, wenn alles Schwachsinn ist?

Ich verzog das Gesicht. “Ich scheiße nicht rum … ich … ich bin nur vorsichtig.” 

Das war ja mal sehr überzeugend gerade.

Ich stemmte meine Hände in die Hüften. “Hey! Soll ich dich erinnern, dass ich letztens ganz alleine den Film “a quiet place’’ gesehen habe!?”

Das war tagsüber und deine Mitbewohner waren im Zimmer neben an. 

“Klugscheißer …”, schnaubte ich. 

Was ist, wenn das dein Instinkt ist, der dich warnen will? Vor diesem Kerl … wer weiß, wer das ist! Vielleicht ist das ein Vampir und ich rede jetzt nicht von der schnulzigen Twilight Version!

“Meine Güte! Was bist du denn für eine Drama Queen! Und kannst du mal aufhören, mir das einzureden? Das ist Bullshit! Ich meine, Vampire? Ernsthaft jetzt? Das fällt dir dazu ein?”

Naja, gut. Vielleicht ist es kein Vampir. Immerhin ist die Sonne noch draußen, aber es könnte auf jeden Fall ein Serienkiller sein. Oder so ein Typ wie aus der Serie “you”, die wir letztens angeschaut haben. 

“Oh mein Gott, das ist ja nicht zu fassen …” Ich seufzte laut und fuhr mir über das Gesicht. “Ey, wenn mich hier jemand hört, der meint sicherlich, dass ich einen an der Klatsche ha …”

“Hallo?”, erklang auf einmal eine männliche Stimme und ich zuckte erschrocken zusammen. Sie war gedämpft und kam aus Richtung der Tür. Mein Herz hämmerte heftig gegen meine Brust. 

Fuck!

“Hallo?”, wiederholte die Stimme und dann klopfte jemand laut gegen die Tür. “Können Sie mir ma’ aufmach’n?”

Nein! Mach nicht auf! … und wenn, dann schau dich nach was um, das du im Zweifel als Waffe benutzen kannst!

“Alter! Halt die Klappe und lass mich das regeln”, zischte ich genervt und ging zur Tür, um sie zu öffnen. Ich zwang mich ruhig zu atmen und ignorierte die quiekende Stimme in meinem Kopf, als ich die Tür aufschob.  

Ein breiter Kerl mit rasiertem Gesicht und Latzhose stand hinter der Tür. Er musterte mich mit grimmiger Miene. 

“Äh … hi …”, begann ich, während er seinen Werkzeugkasten mit einer Hand ergriff und vom Boden anhob. “ … bist du der Kerl, dem ich die Tür aufmachen soll?”

Oh, wow. Du regelst das ja großartig. Das war eine richtig smoothe Begrüßung. 

Der Mann hob eine buschige Augenbraue und schaute sich um. “Naja, ich schätz’ mal scho’, denn hier is’ kein andrer Kerl.”

Ich errötete und lachte unschlüssig. “Oh … äh … ja. Sorry, klar. Komm rein, ich bringe dich zum Laden.”

Schweigend gingen wir zum Aufzug. 

Na, das ist jetzt mal awkward, was?

KLAPPE!

Wir redeten kein Wort miteinander. Er hatte sein Smartphone herausgeholt und antwortete irgendwelchen Textnachrichten, während ich versuchte nicht auf das Display zu schauen.

Das war ja jetzt mal nicht so dramatisch, wie gedacht, was? Nur bisschen peinlich. Aber das kennen wir ja. 

Ich rollte mit den Augen und murrte kaum hörbar und zu mir selbst: “Halt bitte einfach die Klappe …”



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