Gedankensalat: Traumversöhnung

Letzte Nacht hatte ich einen Traum.

Es ging um drei Mädchen.

Das kleine Mädchen

Das erste Mädchen war noch sehr jung und kam wahrscheinlich gerade erst in den Kindergarten. Es saß inmitten ihrer Puppen und Stofftiere. Leise und alleine spielte es mit ihnen.

Jede Puppe und jedes Stofftier hatte einen Namen und eine Geschichte. Das kleine Mädchen kannte sie alle.

Ich war mit ihr in einem kleinen Raum ohne Fenster und Türen. Es gab nichts außer einem Teppich, auf dem sie saß und mit den Puppen und Stofftieren redete. Doch ich verstand kein Wort. Für mich waren es undeutliche Silben und genuscheltes Geplapper.

„Bist du ganz alleine hier?“, fragte ich sie nach einer Weile, doch sie reagierte nicht.
„Entschuldige, Kleine …?“, versuchte ich es nochmal. Diesmal mit einem bestimmteren, aber sanften Ton. Doch keine Reaktion.

„Kleine?“ Ich beugte mich zu ihr herunter und fasste sie an die Schulter. Da hob sie den Kopf und die Welt um uns erstarrte. Ihre Augen waren gefüllt mit Tränen.
„Ich bin alleine … niemand interessiert es, was ich tue. Niemand interessiert sich für … mich.“

Ihre Stimme war brüchig und schnitt durch den Raum wie eiskalter Wind. Die Wände um uns bröckelten und Risse breiteten sich wie Spinnweben um uns aus.

Ihre Einsamkeit und Traurigkeit füllte den Raum wie ein grauer Schleier, der allem die Farbe entzog. Tränen kullerten über ihre Wangen und tropften auf den Teppich und ihre Stofftiere.

„Nein, du bist nicht alleine!“, widersprach ich mit schmerzenden Herzen. „Ich bin hier. Ich bin bei dir.“
Ich zog sie an mich und schloss sie fest in die Arme. Das kleine Mädchen schluchzte auf und die Welt um uns zerbrach in ihrem Schmerz.

„Du bist nicht alleine. Ich bin hier. Ich bin da für dich. Ich interessiere mich für dich und was du tust“, sprach ich weiter, während ich sie an mich drückte.

Ihre kleinen Finger krallten sich in meine Seite und sie schluchzte. Wir saßen eng umschlungen auf dem Teppich mitten in der schwarzen Dunkelheit. Wir hatten nur uns zwei.

Dennoch überkam mich weder Angst noch Panik. Stattdessen fühlte ich einen inneren Frieden, den ich noch nie zuvor gespürt hatte, und eine Liebe, die meine Seele wie glühender Honig umschmeichelte.

„Es wird alles gut … ich bin für dich da. Du bist nicht alleine“, raunte ich dem kleinen Mädchen zu und strich ihr tröstend über den Kopf.
Das kleine Mädchen löste sich schniefend von mir. Sanft strich ich ihr über die kringeligen Haare, die ihr wirr vom Kopf abstanden. Ihre Augen waren gerötet.

„Möchtest du ein Geheimnis wissen?“, fragte ich sie und wischte ihr die Tränen aus dem Gesicht. Sie nickte, während sie ihr Zebrastofftier an sich drückte.
„Du wirst niemals alleine sein. Und weißt du warum?“
Sie schüttelte den Kopf, während ich mit dem Zeigefinger an ihre Stirn tippte und grinste.
„Weil du so eine wunderbare und großartige Fantasie und Vorstellungskraft hast, dass du dir deine eigene Welt schaffen kannst. Du kannst Helden, Bösewichte und andere Charaktere erschaffen und sie sind alle bei dir. Sie begleiten dich durch dein Leben und sind ein Teil von dir.“

Das kleine Mädchen weitete die Augen und ich sah die Traurigkeit weichen.
„Ist das wahr?“
Jetzt war ich es, die nickte.
„Ja, glaub mir“, flüsterte ich und zwinkerte ihr zu. „Und wenn das nicht reicht, dann bin ich immer noch da und zwar genau hier …“ Ich tippte ihr ans Herz. „Egal, wo du bist, ich bin für dich da.“

Dann grinste sie und wir umarmten uns wieder. Es fühlte sich so vertraut an und ich fühlte eine tiefe Verbundenheit mit dem kleinen Mädchen.  
„Danke“, murmelte sie an meiner Schulter. „Ich hoffe, du kannst der anderen auch helfen.“

„Welcher …“, wollte ich fragen, doch das kleine Mädchen und der Raum verschwanden. Ich fiel in die Tiefe. Ich fiel in die Schwärze.
Und lächelte.

Die Teenagerin

Mit dem nächsten Blinzeln war ich in einem Schulgang. Es fühlte sich vertraut an. Verwirrt schaute ich mich um, doch alles war verlassen, bis auf ein junges Mädchen im Teenageralter. Sie stand an der Glastür, die in den Schulhof hinausführte und starrte hinaus.

„Bist du die andere?“, fragte ich, als ich näher herantrat. Sie hatte die Arme verschränkt und warf mir einen kurzen abschätzenden Blick zu.
„Ich bin immer die andere. Die Unscheinbare.“
„Die Unscheinbare?“, hakte ich nach und sie nickte. Ihr Blick richtete sich wieder auf den Schulhof. Die Sonne schien auf ihr Gesicht und warf einen langen Schatten in den Gang.

„Für wen bist du unscheinbar?“, fragte ich und schaute mich um. „Ich sehe niemand anderen außer uns und für mich bist du ganz und gar nicht unscheinbar.“
Das Mädchen lachte auf. Es war ein verbittertes Lachen, das mir tief ins Herz schnitt. Ein Lachen, das mir zu vertraut war.  
„Naja, ich bin ja auch nicht zu übersehen. So dick wie ich bin.“

Ich musterte sie eine Weile. „Du bist doch nicht dick.“
„Natürlich. Fett und häßlich! Ich meine, hast du schon mal gesehen, wie die Frauen in den Filmen und auf den Plakaten aussehen? Hast du die anderen schlanken und hübschen Mädchen in meiner Klasse gesehen?“

Wieder dieses verbitterte Lachen und wieder zerriss es fast mein Herz.

„Mit ihrer reinen Haut und den perfekten Haaren und … und der Aufmerksamkeit der Jungs …“
„Also bist du für die Jungs unscheinbar?“
Sie wich meinem Blick aus und presste die Lippen aufeinander. Ich lehnte mich an die Glastür neben sie und lächelte.

„Weißt du, dass es völlig egal ist, wie du aussiehst?“
Das Mädchen stöhnte auf. „Boah, ey, komm mir jetzt nicht mit so einer Scheiße wie, dass die innere Schönheit zählt! Darauf kann ich echt verzichten …“
„Aber genau das ist die wahre Scheiße.“
„Glaubst den Scheiß wirklich?“
„Ich glaube es nicht. Ich weiß es.“
Ihre Augen glitten über mich. „Du hast ja auch gut reden. Du bist eine schöne Frau.“

„Weil ich beschlossen habe, dass ich eine bin, ja“, erklärte ich und seufzte. „Hör zu, ich weiß, dass du verbittert und wütend bist. Ich verstehe das besser, als du denkst. Aber ich sage dir jetzt mal, was dein eigentliches Problem ist. Es ist nämlich nicht, dass du angeblich dick und hässlich bist.“
„Oh, großartig. Kann’s kaum abwarten … du klingst wie ein Scheiß Glückskeks, echt ey.“

Ich neigte den Kopf. „Weißt du, hinter all dem Sarkasmus versteckt sich eigentlich nur ein kleines Mädchen, das gesehen werden will. Das gehört werden will … das geliebt werden will.“
Ich trat näher zu ihr und legte ihr sanft eine Hand auf die Schulter. „Aber du kannst von niemanden geliebt werden, wenn du dich nicht selber liebst. Du wirst von niemanden gesehen, wenn du nicht selber siehst, was für ein wunderschönes Mädchen du bist.“

Die Teenagerin entriss sich meiner Hand. Tränen schimmerten in ihren Augen. Tränen, Schmerz und die Erkenntnis, dass ich Recht hatte.  
„Was für eine Schei …“
„Ich weiß, dass du nur einen Freund haben willst, …”, unterbrach ich sie mit härterer Stimme als gewollt. Sie verstummte augenblicklich. Ein angelernter Automatismus. “… weil du endlich jemanden haben willst, der sich für dich interessiert.”

Das Mädchen blieb stehen und starrte mich schockiert an. „Was?“
„Es ist okay. Ich verstehe dich. Ich verstehe deine Einsamkeit, deinen Sarkasmus und deinen Drang, gesehen zu werden … du bist nicht alleine, auch wenn du das glaubst.“
Ich lächelte, während sie mit den Tränen kämpfte. Die Hände zu Fäusten geballt.  

„Und ich sehe, was für ein wunderschönes Mädchen du bist. Auch, wenn du und all die anderen es noch nicht sehen. Aber ich kann erkennen, dass deine Seele und innere Schönheit bei Weitem alle Äußerlichkeiten überstrahlen. Du musst nur an dich glauben und dich lieben, denn du bist wunderbar, fantasievoll, neugierig, intelligent, liebevoll, aufmerksam und manchmal auch nervtötend sarkastisch … mit einem noch nicht sehr ausgeprägten Schimpfwortvokabular.“

Das Mädchen lachte kurz auf. Das war ihr erstes ehrliches Lachen. Tränen rannen ihr über die Wangen und sie versuchte sie mit ihren Ärmeln wegzuwischen.

„Na, komm her“, meinte ich und breitete die Arme aus.
Das Mädchen rollte mit den Augen und verzog das Gesicht. „Echt jetzt?“
„Meine Güte, daran müssen wir auch noch arbeiten“, murmelte ich seufzend, überwand den Abstand zwischen uns und nahm sie in die Arme. Sie ließ es zu.

„Glaub mir, auch wenn du dich jetzt unscheinbar, dick und hässlich fühlst, du bist es nicht. Du bist es wert, gesehen zu werden. Außerdem gibt es Wichtigeres im Leben als so auszusehen wie die Frauen in den Filmen und auf den Plakaten … das ist eh alles Photoshop.“
„Photo-was?“
„Das lernst du noch“, meinte ich lachend und drückte sie an mich.

„Boah, ey, du bist echt scheiße gut mit Worten … das … danke.“ Sie schniefte und löste sich von mir. „Ich hoffe, du hast auch noch ein paar mehr von diesen blöden Weisheiten auf Lager für die Letzte.“
„Für die Letzte?“
Das Mädchen grinste, bevor es verschwand wie die Kleine zuvor. Innerhalb von einem Augenaufschlag.

Die junge Erwachsene

Ich war nicht mehr in der Schule. Ich saß auf einer Bank und neben mir saß eine junge Frau. Sie schaute auf den See, der sich vor uns erstreckte. Hinter uns ragten hohe Bäume auf und bildeten den Anfang von einem Wald. Vögel zwitscherten und es war einer dieser perfekten Frühlingstage.  

„Schön, dass du endlich angekommen bist“, meinte die junge Frau neben mir. Sie lächelte leicht und schaute zu mir. Ich schätzte sie auf Anfang zwanzig.
„Scheint so, ja“, erwiderte ich und lehnte mich zurück. Die Sonne schien warm auf mein Gesicht.
„Das ist ein schöner Fleck hier.“
Die junge Frau nickte. „Jep. Das ist mein Ich-muss-nachdenken-Ort.“
„Über was musst du denn nachdenken?“
„Weißt du das nicht?“
„Sollte ich das?“
Sie lachte auf. „Du kannst dich wohl nicht erinnern.“
Ich runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich an diesen Ort, ja. Aber nicht, über was wir nachgedacht haben … ich meine, wir haben über so viele Dinge nachgedacht.“

Die junge Frau grinste. „Oh, du hast es also schon kapiert.“
„Du meinst, dass es hier um uns geht?“ Ich seufzte. „Ja, spätestens bei dem sarkastischen Teenager ist mir das klar geworden … ich meine, puuuh … damals waren wir echt verbittert, was?“
„Ja, und ziemlich sarkastisch und haben noch mehr geflucht als heute.“
Ich neigte den Kopf. „Naaajaaa … fluchen tue ich schon immer noch gerne.“

Wir lachten beide, bevor wir für einen Moment schwiegen. Die junge Frau neben mir zog ein Bein auf die Bank und ihr Gesicht war eine Maske aus Nachdenklichkeit. Ein leichter Wind umspielte ihre offenen, lockigen Haare.

„Warum bin ich hier?“, erkundigte ich mich schließlich.
„Das ist die letzte Hürde“, raunte die junge Frau mir zu und unsere Blicke trafen sich. „Die Schwerste von allen. Etwas, das wir noch nicht gemeistert haben. Etwas … das eine tiefe Narbe in uns hinterlassen hat.“

„Klingt nach Spaß“, kommentierte ich und sie hob eine Augenbraue in meine Richtung.
„Sorry, alte Gewohnheit“, entschuldigte ich mich lächelnd und musterte sie aufmerksam. „Wie kann ich dir helfen?“
„Oh, nein, nein. Du musst dir selber helfen.“
„Okay … du redest hier ziemlich in Rätseln. Ein bisschen wie das Orakel von Delphi.“

„Oh, haben wir wieder das Interesse an Mythologie aufgenommen?“, erkundigte sich die junge Frau interessiert. Neugierde brannte in ihren Augen. Ich grinste.
„Oh ja. Das ist ganz neu entfacht. Ich habe da neue Podcasts gefunden, die …“

Sie hob die Hand und bedachte mich mit einem strengen Blick.
„Deswegen bist du nicht hier. Auch wenn ich jetzt ziemlich neugierig bin … Aber du bist hier, weil wir eine Narbe heilen müssen.“
„Okay, verstehe“, erwiderte ich seufzend und richtete mich auf. „Was muss ich tun?“

Die junge Frau lächelte und schaute zum See.
„Sie wartet am anderen Ufer auf dich.“
Ich folgte ihrem Blick und entdeckte eine vertraute Gestalt am anderen Ende des Ufers. Da stand sie und wartete. Mein Herz krampfte sich zusammen und das erste Mal in diesem Traum fühlte ich Angst.

„Ich verstehe nicht …“, brachte ich heraus, obwohl ich ganz genau verstand. Die junge Frau drehte sich zu mir und ihre Augen schienen mir direkt in die Seele zu blicken.
„Du weißt, was du tun musst. Du weißt es schon sehr lange, aber du hast dich nicht getraut. Du konntest nicht loslassen.“
Ich schluckte schwer die Panik hinunter. „Sie könnte auch einfach selber rüberkommen! Warum muss ich denn zu ihr?!“

Die junge Frau neigte den Kopf und hob die Augenbrauen. „Du weißt, dass sie das nicht kann. Du weißt, dass du es tun musst. Du musst den See überwinden. Du musst zu ihr.“
Ich atmete tief durch und beruhigte mein Inneres, als die junge Frau mir eine Hand auf den Arm legte. Mein Kopf hob sich und wir sahen einander an.

„Du weißt, dass du loslassen musst“, raunte sie mir zu und ihre Worte drangen tief in mein Inneres ein. „All den Schmerz, die Enttäuschung und vor allem die Wut … nur du kannst ihr und vor allem dir verzeihen.“

Mein Kiefer spannte sich an und ich zwang mich ruhig zu atmen, als all diese alten verankerten Gefühle in mir hoch brodelten. Sie umklammerten mein Herz wie Parasiten und zerfraßen meine Seele. Stück für Stück. Tag für Tag. Jahr für Jahr.

Das muss aufhören, dachte ich und zeitgleich mit diesem Gedanken kam ein neues Gefühl, das sich durch all das Chaos drängelte. Ein Gefühl, das mich stärkte und mein Herz kräftiger schlagen ließ. Ich ballte meine Hände zu Fäusten.

„Du hast Recht“, sagte ich und stand auf. Mit ruhigen Schritten ging ich zum Ufer und schaute auf die andere Seite hinüber. Dort stand sie immer noch. Am selben Fleck und wartete.

„Ja, ich denke, es wird Zeit“, erklärte die junge Frau und ich schaute über die Schulter zu ihr zurück. Sie lächelte mich an und zeigte mir Daumen hoch.
Do your thing, girl.
„Oh mein Gott, das war so ein Dean-Nick-Move gerade“, lachte ich und sie grinste mich an. Dann atmete ich nochmal tief durch, sammelte all meinen Mut zusammen und machte den nächsten Schritt in den See hinein.

Sobald mein Fuß die Wasseroberfläche betrat, zersplitterte der See wie Glas. Ich wurde zurückgeschleudert, wollte schreien, aber nichts kam aus meinem Mund, bevor ich in meinem Bett aufwachte.

Die erwachsene Frau

Ich blinzelte gegen die Müdigkeit und den bittersüßen Nachgeschmack des Traumes an. Der vertraute Lärm der Straßen drang an mein Bewusstsein, während ich aufstand und mir über das Gesicht fuhr.
Was für ein intensiver Traum, dachte ich mir und schaute zu dem großen Spiegel in meinem Zimmer. Ich hielt inne und betrachtete mein Spiegelbild.

Darin erkannte ich das kleine Mädchen, den Teenager und die junge Frau wieder. Alle lächelten mir zu.

Zuversicht und Liebe umhüllte mich, ließ mein Herz höher schlagen und breitete sich wie ein warmer Sommerregen in mir aus.

Du weißt, was du tun musst, drang eine Stimme aus mein Unterbewusstsein in mein Ohr. Ich atmete tief durch und griff nach meinem Smartphone.

Ja, ich wusste, was ich tun musste.

Und ich wusste, dass das kein Traum war, sondern eine Versöhnung.  

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